Urban Thierschs Figurengruppe der Brüder Stauffenberg

Urban Thierschs Figurengruppe der Brüder Stauffenberg in der Dürnitz des Alten Schlosses, Stuttgart, Landesmuseum Württemberg. Foto: Haus der Geschichte Baden-Württemberg
Entwürfe zur Bronzegruppe
Anstoß für die Arbeit an der Figurengruppe „Entwurf für ein Denkmal der Brüder Stauffenberg“ gab nach dem Krieg die Überlegung, ein Denkmal in Lautlingen, dem Landsitz der gräflichen Familie auf der Schwäbischen Alb zu errichten.
So entstand 1956 eine Skizze in Gips, 1964 eine 55 cm große Ausführung des „Entwurfs“ in Lindenholz. Die ersten Entwürfe weichen dabei von der späteren Ausführung in Bronze stark ab. So stellen sie nur die den beiden Brüder Claus und Berthold dar.

In diesen frühen Entwürfen erscheinen die Figuren als Einheit, die sich in unterschiedlich ausgeprägte, aber sich ergänzende Charaktere auflöst.
Thiersch beschrieb die unterschiedlichen Wesenszüge der Brüder folgendermaßen: „War das Wesen seines Bruders Claus reiche, drängende Kraft, die nach außen strahlen musste, so schien das seine [Bertholds] ganz nach innen gerichtet.“(1). In Thierschs Doppelfigur manifestiert sich nicht das Bild des Scheiterns, sondern vielmehr werden die Brüder Stauffenberg als Doppelgestalten der Helfenden gezeigt. 
 

Die Aussagekraft der Figurengruppe konzentriert sich auf den Gestus der Körper, nicht auf individuelle Details. Ebenso wie weitere seiner plastischen Arbeiten kennzeichnen sowohl die Konzentration auf den Gestus als auch die schlichte, reduzierte, abgerundete Formgebung diese Entwürfe der Figurengruppe.

Die Motivation zur Aufnahme der Arbeit an den Denkmalsentwürfen - abgesehen vom offiziellen Anlass - dürfte in erster Linie in der persönlichen Bekanntschaft Thierschs mit den Brüdern Stauffenberg gelegen haben. Rudolf Fahrner, der den Stauffenbergs die Aufnahme Thierschs als zuverlässigen Verbindungsmann in den Kreis der Verschwörer empfohlen hatte, war bereits mit Urbans Vater, dem Architekten Paul Thiersch (02.05.1879 München – 15.11.1928 Hannover), bekannt gewesen. Anfang Juli 1944 erläuterte Claus von Stauffenberg gegenüber Rudolf Fahrner und Urban Thiersch die Notwendigkeit zur Tat.

Die Dreiergruppe in Bronze
Die Denkmalsentwürfe Urban Thierschs von 1956 und 1964 wurden in seiner späteren Ausführung der Figurengruppe in Bronze weitergeführt. Diese Figurengruppe übernimmt in ihren Grundzügen die oben angesprochenen Charakteristika der Formgebung und des Gestus. Die Figurenkonstellation wird jedoch in bemerkenswerter Art und Weise überarbeitet: Die Doppelgestalt wird aufgelöst und um eine dritte Figur erweitert. Alexander Schenk Graf von Stauffenberg wird nun in die Figurenkonstellation mit einbezogen. Die Einheit der Einzelfiguren bleibt auch in dieser Konstellation bestehen. Allerdings zeigt sich diese Einheit nicht mehr in der Kompaktheit der Doppelgestalt, sondern in der zum Dreieck gefügten Anordnung, die trotz offenerer Raumkonzeption ein in sich geschlossenes Prinzip bildet.

Im Dreigestirn wenden sich Berthold und Claus in jeweils entgegengesetzter Richtung nach außen, was insbesondere durch das rechte bzw. linke Spielbein der Figuren markiert wird. Im Rücken der beiden Brüder befindet sich Alexander, der in aufrechter Haltung frontal ausgerichtet ist. Abgesehen von der Ausrichtung unterscheidet sich Alexander zudem in der Kopfhaltung von seinen Brüdern: Während Claus und Berthold mit geneigtem Kopf dargestellt sind, bewahrt Alexander den ungebrochenen, geraden Blick nach vorn.
Neben der Erweiterung zur Dreierkonstellation an sich erzeugt auch die Wahl des Materials eine bemerkenswerte Änderung des Gesamteindrucks des Denkmals. Sicherlich kann Bronze als konventionelles, „klassisches“ Material für Denkmäler bzw.Standbilder gelten. Die Eigenart des Materials verleiht der Figurengruppe der Brüder Stauffenberg - ebenso wie anderen Denkmälern und Skulpturen - eine gewisse „eherne Würde“. Bronze vermittelt eine spezifische Aura der distanzierten Strenge, der Schwere, der Dauerhaftigkeit, die weder in Gips noch in Lindenholz erreicht werden kann.

Zusätzlich zur Änderung der Grundkonstellation und des Materials der Figurengruppe, findet sich ein weiterer Aspekt der Figurengruppe. In der Konstellation von Thierschs Dreierfigur spiegelt sich das unterschiedliche Schicksal der Brüder wider: Während Claus und Berthold infolge ihrer Beteiligung am Umsturzversuch gegen Hitler den Tod fanden, konnte sich Alexander einem Todesurteil entziehen und es gelang ihm, seine Inhaftierung nach dem 20. Juli 1944 zu überstehen.

In einer Reihe von Gedichten gedenkt Alexander seiner ermordeten Brüder und setzt ihnen ein literarisches Denkmal. So etwa in „Vorabend“, dass einen imaginären Dialog zwischen Claus und Berthold darstellt und in welchem das geplante Attentat reflektiert wird, aber auch in „Opfergang I“ und „Opfergang II“, die jeweils spezifisch Claus bzw. Berthold gewidmet sind. (2)
In Thierschs bronzener Figurengruppe bilden Claus und Berthold, die sich im Widerstand geopfert haben, die nach außen gewendeten Seiten der Dreiecksfigur, während Alexander die frontal ausgerichtete Seite verkörpert. Die nach hinten versetzte Figur Alexanders weicht in der Höhe nicht von den Figuren seiner Brüder ab, er stellt nicht nur in Bezug auf die Position im Dreieck, sondern auch in Bezug auf die Größe einen durchaus gleichwertigen und gleichrangigen Part der Gruppe dar. Alexander steht im Rücken seiner Brüder, er steht - wie seine Gedichte belegen - im wahrsten Sinn des Wortes hinter ihnen. Als die nachfolgende Figur steht er ebenso buchstäblich in ihrer Nachfolge. Einerseits ist Alexander, der überlebende Chronist und Zeuge ihrer Tat, aber darüber hinaus ist er die der Zukunft zugewandte Figur: Als der Gedenkende, Mahnende, Erinnernde steht er der Nachwelt gegenüber.
 

Sandra Maschmeier unter Mitarbeit von Peter Trummer Stand: Januar 2009

(1) Zitiert nach Zeller, Eberhard: Oberst Claus Graf Stauffenberg. Ein Lebensbild. Mit einer Einführung von Peter Steinbach. Paderborn / München / Wien / Zürich 1994; S.51

(2) Siehe hierzu: Stauffenberg, Alexander Schenk Graf von: Denkmal. Hg. von Rudolf Fahrner. Düsseldorf / München 1964; S.16 / 17; S. 21 - 25

Weitere, neuere Literatur:
Karlauf, Thomas. Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. München: Karl Blessing Verlag, 2007.
Raulff, Ulrich und Lutz Näfelt (Hrsg.) Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung. Köpfe aus dem George-Kreis. Marbacher Magazin 121. Hrsg. Deutsches Literaturarchiv, Deutsche Schillergesellschaft. Marbach am Neckar 2008. (Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv. Hier sind auch mehrere Plastiken der Köpfe von Alexander, Berthold und Claus abgebildet sowie Fotos des von Frank Mehnert nach Claus von Stauffenberg gestalteten „Ponier-Standbildes“ von 1937/38)
Riedel, Manfred. Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg. Köln et. al.: Böhlau Verlag, 2006. 

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Figurengruppe von Urban Thiersch

Nähere Informationen


Quelle: Prof. Paul Thiersch
Urban Thiersch
*17.08.1916. †08.09.1984

Kurzbiografie

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